Die 'Medizin' der Imagination

"Als Ethnologin hatte ich im Vorfeld bei indigenen Völkern über den Gebrauch von halluzinogenen Pflanzen in schamanischen Ritualen  geforscht. Dies hier erschien mir mindestens genauso magisch und kraftvoll, und zudem für Menschen unserer Kultur als Heilmethode eher geeignet, da sich das Erlebte besser integrieren ließ..."

Die 'Medizin' der Tiefen Imagination

Von Bären und Löwen

Die erste Begegnung mit meinem Herztier werde ich wohl nie vergessen: Ein kräftiger Braunbär bat mich um Honig und wollte von mir umarmt werden. Anschließend forderte er mich zum Tanz auf. Beim Tanzen verwandelte er sich abwechselnd in einen Eisbären und dann wieder zurück in einen braunen Bären, immer schön im Rhythmus der Musik. Als ich ihn fragte, ob er denn nun weiß oder dunkel sei, sagte er: „Beides, denn die Polaritäten gehören stets zusammen!“

Ich hatte bis dahin nicht gewusst, dass Bären über Polaritäten bescheid wissen.

Wir lachten viel, er hatte genau den Humor, den ich mochte. Dann wurde der Bär plötzlich ernst und sagte, ich solle nun mein Solarplexus-Tier rufen, es brauche mich.

Ein stattlicher Löwe mit goldglänzendem Fell und wärmenden, aber dennoch recht traurigen Augen erschien.

Ich fragte den Löwen, was er denn genau von mir brauchte.

Er sagte: „Komm einfach her!“ Ich mochte ihn vom ersten Moment an sehr und schmiegte mich eng an das Tier. So kuschelten wir eine Weile und es fühlte sich total gut an. Plötzlich sah ich, wie eine schwarze klebrige Masse auf uns zukam und  mein Löwe elendig darin versank. Alles ging sehr schnell, ich hatte ihm nicht helfen können und war außer mir.

 

Eine andere Art der Traumakonfrontation

Auf einmal wurde alles dunkel. Ich bekam keine Luft mehr, empfand Panik und wollte weg. Dieses Gefühl kannte ich sehr gut, es war bis dahin immer wieder in meinem Leben aufgetaucht, und trotz jahrelanger Therapien und meinem Wissen um das dahinterliegende Kindheitstrauma hatte ich es bisher nicht wirklich lösen können.

Sehr spontan und unvermutet war ich an jenem Wintertag im Jahr 2002 in diesem Workshop gelandet und es stellte sich nun heraus, dass ich in den allerbesten Händen war: Eligio Stephen Gallegos aus New Mexico, der vor knapp dreißig Jahren die Methode der Tiefenimagination (PTPP©) entdeckt hatte, begleitete mich auf jener inneren Reise und riet mir nun, ein Tier zu rufen, das jetzt in diesem Gefühl bei mir sein könnte.

 

"Ich fand sie widerlich"

Kaum hatte ich das getan, schwirrte eine fette Fliege um meine Nase herum. Ich fand sie widerlich und wollte sie nicht. Steve schlug vor, dass ich die Fliege begrüßen und ihr erzählen solle, wie es mir mit ihr geht. Ich erzählte es ihr. Die Fliege sagte daraufhin, dass sie etwas traurig darüber wäre, aber es eben nun mal nicht ändern könne. Während ich auf diese Weise mit dem Tier Kontakt aufnahm, konnte ich es besser sehen und annehmen, die Fliege wurde mir sogar beinahe sympathisch. Dann kehrte das Gefühl des Erstickens zurück, und die damit verbundene panische Todesangst wuchs ins Unerträgliche.

 

"Erzähl das der Fliege"

riet mir Steve. Die Fliege kam daraufhin ganz nah zu mir und sagte, sie würde jetzt für mich mit ihren Flügeln schlagen, damit ich Luft bekäme, während wir durch einen Tunnel flögen. Es sei wichtig für mich, „diese Sache“ zu durchqueren, meinte sie, und dass ich mich einfach an ihr festhalten soll. Mein Denken mischte sich ein, denn logischerweise war die Fliege ja eigentlich für so ein Unternehmen viel zu klein, wie sollte sie mich tragen?  Das Tier propellerte mit den Flügeln und die aufkommenden Zweifel meines Denkens waren verschwunden. 

„Keine Angst, ich bin bei dir“, versprach Fliege.

„Bist du bereit?“ 

Ich hatte große Angst, aber ich war bereit.

Denn genau deshalb war ich hier in dieses Seminar gekommen, das wusste ich jetzt.

Fliege hielt ihr Wort.

Wir durchflogen den Tunnel.

Durch meinen Körper schossen gewaltige Energiewellen, die ich ohne die Fliege und den zarten Luftstrom ihrer Flügel auf keinen Fall ausgehalten hätte, die Wellen hätten mich glatt auseinandergerissen.

Eine ganze Weile später kamen wir auf der anderen Seite des Tunnels an und etwas sehr Grundlegendes hatte sich für jetzt mich verändert: Ich fühlte mich von einer jahrelangen Last befreit. 

Tief berührt bedankte ich mich bei dem Tier. Fliege sagte, ich solle bald wieder eine Reise machen, um auch meine anderen Tiere zu treffen, und summte gemächlich davon. Ich war voller Respekt für dieses großartige kleine Wesen und überwältigt von der mir bis dahin unbekannten Art des inneren Reisens, die mir jedoch gleichzeitig ganz vertraut und selbstverständlich erschien.

Als Ethnologin hatte ich im Vorfeld bei indigenen Völkern über den Gebrauch von halluzinogenen Pflanzen in schamanischen Ritualen geforscht. Dies hier erschien mir aber mindestens genauso magisch und kraftvoll, und zudem für Menschen unserer Kultur als Heilmethode eher geeignet, da sich das Erlebte besser integrieren ließ. 

 

Von Totempfählen und Psychotherapie

Nach diesem Erlebnis begann ich mit meiner Ausbildung bei Steve, den ich vom ersten Moment an aufgrund seiner herzlichen Art und unaufdringlichen Präsenz zutiefst schätzte. 

Dr. Eligio Stephen Gallegos, ehemals Direktor des Psychologischen Instituts an der Mercer Universität in den USA, hatte die Lehren C. G. Jungs studiert und mit Imaginationsreisen gearbeitet, wie sie bei der Psychosynthese angewendet wurden.

Ab 1979 lebte er als niedergelassener Psychotherapeut an der nordamerikanischen Westküste, wo er sich zunehmend für die Totempfähle der Nordwestküsten-Indianer interessierte. Die Totempfähle werden hier aus einem Baumstamm geschnitzt und stellen mehrere übereinander sitzende Tiere dar. Das Wort „Totem“ stammt aus der Algonkin-Sprache und bedeutet „Verwandtschaft“, oder auch „Schutzgeist“. Ein Totem stellt meist ein Tier oder eine Pflanze dar, gelegentlich jedoch auch das Element einer Landschaft oder eine Wettererscheinung. Das Totem ist auf das engste mit dem Menschen verknüpft - eine Vorstellung, die übrigens nicht nur in Nordamerika, sondern auch bei vielen anderen indigenen Völkern weltweit zu finden ist.  

Die Anordnung der Tiere auf den Totempfählen erinnerte Stephen Gallegos an die übereinanderliegenden Energiezentren (Chakren) im menschlichen Körper. Als er eines Tages joggte, bemerkte er, dass auf der Imaginationsebene in seinen Chakren tatsächlich verschiedene Tiere wohnten und Steve begann mit diesen Tieren als lebendige Wesen zu kommunizieren.

Auf diese Weise bekam er wichtige Informationen über sich selbst. Besonders beeindruckt war Stephen Gallegos, als die Tiere spontan in einem Kreis zusammenkamen und sich nun auch untereinander kennenlernen wollten. Sie bildeten jetzt ein Konzil, und konnten von nun auch zusammen agieren, was Steve als überaus heilsam erfuhr. Sofort begann er das Erlebte bei seinen Klienten anzuwenden. In seinem ersten Buch "The Personal Totempole Process" (Deutsch: "Indianisches Chakraheilen“) schreibt Steve:

 

Ich war tief bewegt von der Art und Weise, wie die Chakratiere agierten. Sie schienen die inneren Dimensionen des Menschen zu kennen, hatten Zugang zu Informationen, die weder ich noch meine Klienten kannten. Sie wussten, in welchem Tempo die Therapie ablaufen musste und wirkten auf sehr subtile und geschickte Weise ein. Außerdem waren sie sehr humorvoll. Sie waren die geschicktesten Therapeuten, die mir je begegnet waren. Sie kümmerten sich nicht nur darum, dass die Klientin geheilt wurde, sondern auch, dass sie ihre Ganzheit erlangte.“

 

So begann die Arbeit von Eligio Stephen Gallegos, der er damals den Namen „The Personal Totempole Process ©“ (PTPP©) gab und die er seit dieser Zeit immer weiterentwickelt hat. Gallegos ist Mitbegründer des Returning to Earth Institute sowie Mitbegründer und Leiter des International Institute for Visualisation Research (IIVR), das im Bereich der geistigen Bilder forscht. 

 

 Viel mehr als Symbole

 

Vieles ließe sich nun analysierend zu meinem Erlebnis mit der Fliege beschreiben, doch geht es bei den Reisen in die innere Bilderwelt gar nicht unbedingt darum, das Erlebte in die Dimension des  Denkens zu übersetzen, denn die Dimension der inneren Bilder besitzt ihre eigene Intelligenz und Lebendigkeit.

Die inneren Bilder sind bei dieser Form von Imaginationsarbeit nicht vorgegeben, wie es z.B. bei Phantasiereisen der Fall ist, sondern sie entstehen ganz von selbst aus der Tiefe der reisenden Person heraus, welche dadurch wiederum mit diesem tiefen Ort in sich selbst in Kontakt kommt. Und an diesem tiefen Ort wohnt ein uraltes Wissen. Die Wesen, denen wir auf unserer Reise begegnen (und die sich meistens in Tiergestalt zeigen, wenn auch nicht immer), sind viel mehr als Symbole: Sie sind lebendiger Ausdruck eines wesentlichen Persönlichkeitsanteils der Person, sie sind eine lebendige Dimension, die in jedem Menschen wohnt und die ihre eigene Integrität besitzt.. Die Wesen unserer tiefen Imagination wissen genau, was für den Reisenden gerade ansteht und führen ihn oder sie durch eine entsprechende Erfahrung. Indem wir mit diesen inneren Wesen in eine lebendige Beziehung treten, treten wir in Kontakt mit unserer eigenen Lebendigkeit, bekommen Unterstützung bei Wachstum und Heilung und werden in unserem inneren und äußeren Wohlbefinden genährt.  

Rückkehr zu echter Verbundenheit

 

Unser Hauptproblem besteht darin, dass wir die Verbindung zu den verschiedenen Teilen unseres Ichs verloren haben. Es ist eine dringende Notwendigkeit, alle unsere Teile zusammenzufügen und mit ihnen offen zu kommunizieren. Erst dann können unsere Handlungen von einem Zentrum ausgehen, das in Kontakt und Harmonie mit unserem ganzen Wesen steht.“ (E.S. Gallegos)

 

Manchmal sind die Tiere, die wir auf diesen Reisen treffen, wild und frei und voller Leben, manchmal sind sie eingesperrt, krank, oder verletzt und brauchen unsere Fürsorge. Manchmal begleiten sie uns in einen Traum, der sich auf diese Weise als Wachstumserfahrung erweisen kann.

Manchmal zeigen sie uns verborgene Fähigkeiten und Schätze wie zum Beispiel unser kreatives Potenzial. Sie können uns den Fluss unserer Lebendigkeit und unsere ureigene Kreativität direkt erfahrbar machen.

Die Tiere sind meistens sehr humorvoll und sanft, aber können uns auch auf eine derbere Art herausfordern. Und hin und wieder verändern sie sich auch. All das geschieht ganz von selbst. Die Begleitperson führt die reisende Person lediglich in einen Zustand tiefer Entspannung, hält den Raum, und wirkt unterstützend darin, die Kommunikation zwischen dem Reisenden und dem, was sich gerade zeigt, aufrechtzuerhalten.  

 

Meine Aufgabe ist es nicht, die Klientin dazu zu bringen, eine Beziehung zu mir aufzubauen, auch wenn ich mich um sie kümmere und tief bewegt bin von ihrer Entwicklung. Mein Ziel ist es, dem Klienten zu helfen, eine spezielle Beziehung zu sich selbst aufzubauen, die seine Entwicklung nährt und unterstützt“, schreibt Gallegos zu seiner Aufgabe als Begleitperson.

 

Seit meiner ersten Begegnung mit Bär, Löwe und Fliege im Winter 2002 habe ich viele weitere tierische Begleiter getroffen und befinde mich heute nach wie vor auf dieser großen inneren Reise. Jede dieser Reisen mit meine seelischen Landschaften bedeutet, wieder ein Stück mehr zurück zu mir selbst nach Hause zu kommen, zurück in meine Ganzheit, in meine ureigene Lebendigkeit und Kreativität. Wenn ich andere Menschen begleite bin ich jedes Mal erneut sowohl von der Intelligenz der Imagination wie auch von der Einzigartigkeit eines jeden Menschen tief berührt. 

 

Ich erkannte immer mehr, was für bemerkenswerte Geschöpfe wir Menschen sind, jeder einzelne von uns. Wie viel Lebendigkeit in uns steckt, die weit über das hinausgeht, was wir unter Lebendigkeit verstehen. Eine Lebendigkeit, die unglaublich kreativ ist. Eine Lebendigkeit, deren Existenz wir nicht gewürdigt und die wir ignoriert haben, weil sie nicht in die Theorie unserer westlichen Kultur passt…“ (E.S. Gallegos)

 

Und genau in diese Lebendigkeit führen uns die Tiere und all die anderen Wesen unserer inneren Bilderwelt, wenn wir bereit sind, in die großen Dimensionen des Fühlens einzutauchen, um wieder echte Verbundenheit zu erleben und zu leben. 

 

 

© Margrit Jütte 2021

Dieser Artikel erschien in einer älteren Version

in der Zeitschrift "Einfach Ja" (2013)

 

Spanische Version des Artikels 

erschienen in:

VISION CHAMÁNICA 2013Dimensiones Vivas: Los animales Chakra. 

 

Mehr über Tiefenimagination: www.tiefenimagination.com

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