Was mein Buch „DER HEILGESANG“ mit Kolumbien, Amazonas-Schamanismus und Tiefer Imagination zu tun hat / von Margrit Jütte

 

Seit dem Erscheinen meines neuen Buches Der Heilgesang. Von der seelentiefen Reise eines mutigen Vogels‘ werde ich öfters gefragt, welche Verbindungen es zwischen der Geschichte des kleinen goldgelben Vogels Amarí (von span. amarillo = „gelb“) und meinen Erfahrungen in Kolumbien gibt.

 

‚Der Heilgesang‘ ist einerseits ein sehr persönliches Buch, andererseits sind darin auch wesentliche Dinge aus dem Schamanismus der indigenen Cofán (Kolumbien), bei denen ich über mehrere Jahre ethnologisch forschte, eingeflochten. Doch begonnen habe ich den „Heilgesang“ bereits kurz bevor ich das erste Mal zu den Cofán reiste, nämlich vor 18 Jahren. Damals war ich an der Universidad del Cauca in der romantisch-weißgetünchten kolumbianischen Stadt Popayán als Gasthörerin für Anthropologie eingeschrieben. Ich hatte ein winziges Zimmer in einer WG im Stadtzentrum, mit einem herrlichen Ausblick über die Stadt und mit Sicht sowohl auf die Zentral- als auch auf die Westkordillere der Anden.

Eines Tages wurde die gesamte Stadt von Guerilla besetzt und man konnte kaum mehr auf die Straße gehen. Tag und Nacht fielen Schüsse, Hubschrauber kreisten am Himmel, Autos wurden angezündet; Supermärkte blieben leer, die Krankenhäuser hatten keine Medikamente mehr und Benzin gab es sowieso nicht. Ich blieb – bis auf gelegentliche Nahrungsbesorgungsstreifzüge mit meinen Mitbewohnern - in meinem Zimmer. Und so begann dieses Buch. Der kleine gelbe Vogel tauchte in meiner Seele auf und erzählte mir seine Geschichte und erschien mir sofort sehr vertraut ...

 

Denn in meinem Inneren hatte das Abenteuer schon viel früher begonnen. Wie Amarí durch den alten Vogel Silberfeder wichtige Hinweise auf seinem Weg ins Waldland bekam, so war auch mir eine solche Schlüsselgestalt in meinem Leben begegnet: Es war ein Professor an der Universität Leipzig, der mir Mitte der Neunziger Jahre – ich befand mich damals im zweiten Semester meines Ethnologiestudiums und erkrankte an einem scheinbar unheilbaren Nierenleiden - den Weg nach Kolumbien, insbesondere ins kolumbianische Sibundoytal gewiesen hatte. Im Sibundoytal, das im südlichen Landesteil Putumayo liegt, wohnen die indigenen Ingá und Kamsá, im ganzen Land für ihre heilkundigen Schamanen bekannt. So lernte ich, ebenfalls auf Empfehlung meines Universitätsprofessors, Taita Martín kennen. Ich ließ mich von ihm (erfolgreich) behandeln und trank unter seiner Obhut auch das erste Mal von der sagenumwobenen halluzinogenen Dschungelbrühe Yajé (im Westen unter dem Namen Ayahuasca bekannt), die fester kultureller Bestandteil im Schamanismus vieler indigener Völker ist. Doch eigentlich wachsen die Zutaten für diesen mächtigen Trank, der seit einigen Jahren im Westen stark in Mode gekommen ist, im Tiefland. Taita Martín erzählte mir damals, seine wichtigsten Meister seien Cofán gewesen, ein indigenes Volk, das ebenfalls im Tiefland lebt. Ich war nun erst recht neugierig, hatte aber diesbezüglich erst einmal keine weiteren Pläne.

 

Und so wie sich Amarí eines Tages, ohne es direkt beabsichtigt zu haben, aber doch tief in seinem Inneren ersehnt hatte, im Waldland wiederfand, so fand ich mich eines Tages bei den Cofán wieder. Alles ging sehr schnell, das Leben schickte mir eine Welle vorbei, auf die ich mich setzte, und dann war ich dort (wie das geschah werde ich vielleicht ein anderes Mal erzählen), in diesem kleinen Dorf, das nur per Boot erreichbar war. Und ich fühlte mich sehr willkommen und gesehen, was ganz und gar nicht selbstverständlich gewesen war bei anderen indigenen Gruppen, die ich vorher besucht hatte. Aber hier war es so. Und daraus entstanden viele neue Freundschaften sowie eine tiefe Verbundenheit, die bis heute andauert.

 

Die Heilervögel in der Geschichte Amarís spiegeln den Humor und die Tiefe und dieses Gefühl von Willkommen- und Verbundensein wieder, das ich bei den Cofán erlebt habe. Aber auch ihre erdige Art. Sie leben in einer Welt, in der Spiritualität etwas Selbstverständliches ist und nicht viel Aufhebens darum gemacht wird. Es gibt niemanden, der sich ausschließlich mit spirituellen Dingen befasst, sondern solche sind Teil eines Alltages, der aus Arbeit mit der Erde und dem Wald und dem Fluss besteht – Jagen, Fischen, Sammeln, Anbauen. Und teilweise natürlich auch bezahlte Arbeit in nahegelegenen Kleinstädten. In allen Angelegenheiten gilt ein mir sehr sympathisches keep it simple. Der Gebrauch der Liane Yajé (Ayahuasca) ist allerdings von einer zutiefst komplexen Ethik begleitet und tief in das lokale Weltbild eingebettet, das sich mir erst nach und nach erschloss. Und so taucht auch Amarí Stück für Stück ein in diese fremde Welt, in der so ganz anders kommuniziert wird als er es bisher gewohnt war ...

 

Das indigene Amazonien ist die Welt von Anakonda und Jaguar. Diese beiden Tiere sind in den hier existierenden Mythologien, aber auch in den Erzählungen des Alltags und ganz besonders in den in Amazonien existierenden Formen von Schamanismus, allgegenwärtig. Und so ist es auch bei den Cofán. Und so ist es auch im ‚Heilgesang‘. Die Wasserschlange Lunala, eine Art Jaguar-Anakonda, die darüber hinaus Ähnlichkeiten mit der gefiederten Schlange alter Traditionen Mittelamerikas besitzt, wird zu einer wichtigen Lehrmeisterin Amarís.

 

Die Schamanen der Cofán, curacas oder auch taitas genannt, haben eine jahrzehntelange Ausbildung durchlaufen. Eine solche Ausbildung ist mit vielen heftigen Prüfungen verbunden und ganz und gar keine Wochenendangelegenheit (auch nicht eine von ein, zwei oder drei Jahren), nach der man sich dann eine Federkrone auf den Kopf setzt, eine Jaguarzahnkette umbindet und dann Rituale oder gar Heilbehandlungen anbietet. Auch davon erzählt der ‚Heilgesang‘, in diesem Falle von echten und falschen Federn. Die echten Federn muss man sich im Waldland wahrhaftig verdienen. Auch Amarí verdient sich nach einigen wichtigen Lernschritten jeweils eine Feder; diese Federn sind in der Welt, aus der er stammt, nicht sichtbar (auch die Cofán-Ältesten geben an, dass sie ihre Zeremonialausrüstung - Ketten, Federkrone etc. - eigentlich auf ihrem spirituellen Körper tragen und nach außen nicht sichtbar sind). Und auf einer besonders tiefen und heftigen Reise in die Tiefen des Herzsees verdient er sich sogar seinen ersten Jaguarzahn …

 

Zutiefst beeindruckt haben mich von Anfang an die Heilgesänge der Cofán. Ich hatte schon öfters die Gelegenheit gehabt, Heilgesängen anderer indigener Schamanen zu lauschen, aber so etwas hatte ich noch nie gehört! Diese hier waren anders. Sie waren nicht nachsingbar, und hatten eine immense Wirkkraft. Sie waren wie Klänge, die tief aus der Erde selbst stammten. Und gleichzeitig waren sie himmlisch, mal voller geballter Urkraft, mal voller Zärtlichkeit, mal beides gleichzeitig. Oft weinte ich, wenn die Gesänge des Nachts, zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt eines Heilrituals der Cofán erklangen. Und genauso ging es auch Amarí ...

 

Nachdem ich zwischen 1996 und 2002 schon einige Erfahrungen mit Amazonas-Schamanismus gemacht hatte, begegnete ich im Jahr 2003 dem amerikanischen Psychologen Steve Gallegos, der die Methode der Tiefenimagination (Deep Imagery) entwickelt hat; eine Begegnung, die für mich persönlich damals lebensrettend war, denn ich befand mich zu dieser Zeit in einer tiefen seelischen Krise. Ich lernte nun eine Methode des Inneren Reisens kennen, die keine Pflanzen brauchte und dennoch von einer sehr nachhaltigen Wirkkraft war, und darüber hinaus in meinen Augen für Menschen unserer Kultur sehr viel besser integrierbar war als die verschiedenen Formen von lokalem indigenen Schamanismus, die ich bisher kennengelernt hatte. Heute arbeite ich selbst damit. So liegt auf der Hand, dass ‚Der Heilgesang‘ auch von der Tiefenimagination an vielen Stellen geprägt ist: Zum Beispiel wird Amarí immer wieder von einer tiefen Sehnsucht überfallen. Irgendwann hört er auf, sich gegen dieses mächtige Gefühl zu wehren, sondern tritt mit ihm in Kontakt. Das Gefühl der Sehnsucht erscheint ihm dann als ein lebendiges inneres Bild, nämlich als Schwan, mit dem Amarí kommunizieren kann. Der Schwan leiht ihm seine Flügel, und bringt ihn zurück ins Waldland…

 

Dennoch ging ich später noch einmal für eine längere Zeit zu den Cofán zurück und beschäftigte mich eingehender ethnologisch mit dem kulturellen Kontext ihres Ayahuasca-Gebrauches und promovierte schließlich zu diesem Thema. Nach der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zog es mich jedoch wieder mehr zu einer verspielteren, lebendigeren, sinnlicheren Form einer solchen. Und so wurde das Büchlein mit Amarís Geschichte schließlich doch noch geboren ...

 

Es gäbe noch viel mehr zu erzählen - zum Beispiel, dass einige Menschen, die ich in Südamerika kennengelernt habe, im ‚Heilgesang‘ direkt oder indirekt als (Heiler-)Vögel auftauchen; der Heilervogel Querubín findet sogar sein Pendent im gleichnamigen Kaziquen der Cofán, Taita Querubín Alvarado, wobei ich den Heilervogel Querubín natürlich mit literarischen Freiheiten gestaltet habe ...

 

Vielleicht hast Du Lust bekommen, den ‚Heilgesang‘ zu lesen oder zu verschenken?

 

Vielleicht möchtest Du aber auch mehr über den Schamanismus der Cofán oder über Tiefe Imagination erfahren? Dann kannst Du auf meiner und den von mir verlinkten Webseiten schmökern oder meinen Newsletter abbonieren, um meine nächsten Blogs lesen zu können.

 

Ich wünsche Dir viel Freude dabei!

 

Von Herzen,

 

Eure MARGRIT

 

 

 

Margrit Jütte, Dr. phil.

Kulturanthropologin

Deep Imagery Guide & Coach

Autorin & Liedermacherin

 

Yo amo Colombia!!!

 

www.margrit-juette.de

 

mit Taita Don Alonso Salazar, Cofán-Schamane.

Der kleine goldgelbe Vogel Amarí fliegt ins Waldland und lernt ... so einiges ...

(Cover-Illustration: Ulrike Hirsch)


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